Nein, sie reisen nicht in Raumschiffen, haben keine spitzen Köpfe und hinterlassen vielleicht nur hin und wieder Kornkreise auf den Feldern. Sie leben in Europa, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, inmitten eines Meeres aus germanischen und slawischen Sprachen. Wir verstehen sie kaum, denn ihre Sprache unterscheidet sich von fast jeder anderen in Europa. Die Rede ist von den Ungarn. Lernen Sie eine der faszinierendsten und laut vielen Experten schwierigsten Sprachen unserer bekannten Welt kennen.

Wer nach Budapest reist und die ungarische Sprache hört, merkt schnell, dass Wörter wie „Guten Tag“ (Jó napot) oder „Danke“ (Köszönöm) keinerlei Ähnlichkeit mit dem Deutschen oder Slawischen aufweisen. Das liegt daran, dass Ungarisch (Magyar) nicht zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehört. Während fast ganz Europa eine gemeinsame sprachliche Wurzel teilt, ist das Ungarisch ein Überbleibsel einer völlig anderen Welt.

Die moderne Sprachwissenschaft ist sich einig: Das Ungarische gehört zur uralischen Sprachfamilie, genauer gesagt zum finnougrischen Zweig. Viele denken bei Ungarisch sofort an Finnisch oder Estnisch. Das ist zwar nicht falsch, aber es ist nur ein Teil der Geschichte. Man kann es so beschreiben: Das Skelett der Sprache, die Grundstruktur, ist tatsächlich uralisch-finnugrisch. Aber das Fleisch und das Blut – die ganze Energie, die Dynamik und der Rhythmus der Sprache – haben eine tiefe Verbindung zum Türkischen.

Man kann sagen: Die Grammatik ist das Gerüst, aber die Seele der Sprache wurde stark durch den Osten geformt. Über die Jahrhunderte hat sich das Ungarische dann wie eine Brücke zwischen Zentralasien und Europa entwickelt. Wie ein Schwamm hat die Sprache Begriffe aus dem Slawischen und dem Lateinischen aufgesaugt und natürlich auch sehr viele „Kleider“ aus dem Deutschen angezogen. Wenn man also Ungarisch hört, hört man eine einzigartige Mischung aus jahrtausendealter Steppenreiter-Tradition und europäischer Kultur.

Ein Finne und ein Ungar können sich im Alltag zwar überhaupt nicht verstehen, aber die grammatikalische Struktur (wie das komplette Fehlen von grammatikalischen Geschlechtern wie der, die, das) und die innere Logik der Sprache sind verblüffend ähnlich. Beide Sprachen nutzen das Prinzip der Agglutination: Statt Präpositionen wie „in“, „auf“ oder „aus“ vor das Wort zu setzen, werden einfach Endungen angehängt (z.B. Ház = Haus, Házban = im Haus).

Von der Steppe zum offiziellen Status

Obwohl das Ungarische eine jahrtausendealte Geschichte hat, war sein Weg zur modernen Staatssprache lang. Erst durch den Gesetzesartikel III von 1836 wurde Ungarisch zur Amtssprache in Ungarn erhoben, und ab 1844 (Gesetzesartikel II) wurde es zur exklusiven Amtssprache des Landes. Heute ist es nicht nur eine der offiziellen Amtssprachen der Europäischen Union, sondern hat auch regionalen offiziellen Status außerhalb der ungarischen Grenzen: in der Vojvodina (Serbien) sowie in drei Gemeinden Sloweniens (Dobrovnik, Hodoš und Lendava).

Weltweit gibt es etwa 13 bis 15 Millionen Menschen, die Ungarisch als Muttersprache haben. Natürlich in Ungarn selbst, aber auch in allen Nachbarländern wie Rumänien, der Slowakei, Serbien und auch hier bei uns in Österreich (insbesondere im Burgenland und in Wien). Es ist eine kleine, aber hochentwickelte und sehr lebendige Sprachgemeinschaft inmitten Europas.

Einzigartig bis in die Schrift: Die Runenschrift

Die Einzigartigkeit des Ungarischen zeigt sich nicht nur im gesprochenen Wort, sondern auch in seiner historischen Schriftkultur. Bevor die ungarischen Stämme das Christentum annahmen und das lateinische Alphabet adaptierten, besaßen sie ein eigenes, hochentwickeltes Schriftsystem: die sogenannte altungarische Runenschrift (rovásírás).

Diese Schrift wurde traditionell von rechts nach links geschrieben und meist in Holz oder Stein geritzt. Die kantigen Buchstaben waren perfekt an die Phonetik der ungarischen Sprache angepasst – im Gegensatz zum lateinischen Alphabet, das später mit Buchstabenkombinationen (wie sz, cs, zs) modifiziert werden musste, um alle ungarischen Laute wiederzugeben. Obwohl sie im Mittelalter offiziell verdrängt wurde, blieb die ungarische Runenschrift im Szeklerland (Siebenbürgen) jahrhundertelang im privaten Gebrauch erhalten und erlebt heute als historisches Kulturgut eine Renaissance. Für Sprachwissenschaftler bleibt das „Magyarische“ somit von den Wurzeln bis zur Schrift eines der faszinierendsten Rätsel der europäischen Kulturgeschichte.

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