Corleone: Das Dorf der ungeschriebenen Gesetze
Um den Aufstieg der „Bestie“ zu verstehen, muss man in das sizilianische Bergdorf Corleone der 1930er- und 1940er-Jahre zurückblicken. Salvatore Riina wurde 1930 in eine bitterarme Bauernfamilie hineingeboren. In einer Welt, in der das Gesetz des Staates nichts galt, bestimmte der Kampf ums nackte Überleben den Alltag.
Ein tragisches Schlüsselerlebnis im Jahr 1943 sollte das Leben des damals 13-jährigen Totò für immer verändern: Sein Vater Giovanni fand auf einem Feld eine unentschärfte amerikanische Fliegerbombe. Beim Versuch, das Kriegsrelikt zu zerlegen, um das Schwarzpulver und das Metall auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, detonierte die Bombe. Der Vater und Totòs jüngerer Bruder Francesco starben sofort. Mit nur 13 Jahren wurde Salvatore plötzlich zum Familienoberhaupt – traumatisiert, bitterarm und voller Wut.
Der mörderische Mentor: Luciano Liggio
Die bittere Armut trieb Riina schnell in die Kriminalität. Seine skrupellose Art und seine enorme Kaltblütigkeit fielen bald einem aufstrebenden Mafioso auf: Luciano Liggio. Liggio, ein brutaler Geist der neuen Mafia-Generation, nahm den jungen Riina unter seine Fittiche. Zusammen mit Riinas bestem Jugendfreund, Bernardo Provenzano, bildeten sie ein mörderisches Trio.
Es war eine Allianz, die von einem unerbittlichen Überlebenswillen angetrieben wurde – oder wie Provenzano es später treffend formulierte: „Wir kamen hungrig auf die Welt.“ Und dieser Hunger nach Macht sollte unstillbar werden.
Im Jahr 1949, mit gerade einmal 19 Jahren, beging Riina seinen ersten Mord: Nach einem heftigen Streit erschoss er einen jungen Mann namens Domenico Petralia. Riina wurde verhaftet und verbrachte sechs Jahre im Gefängnis von Palermo. Doch diese Haftstrafe war keine Abschreckung, sondern seine Universität. Als er Mitte der 1950er-Jahre nach Corleone zurückkehrte, war er kein einfacher Bauernjunge mehr. Er war ein kaltblütiger, perfekt ausgebildeter Soldat der Cosa Nostra.
Der Königsmord an Dr. Michele Navarra
In Corleone herrschte zu dieser Zeit Dr. Michele Navarra, ein hochangesehener Arzt und der unangefochtene Boss der lokalen Mafia. Navarra repräsentierte die „alte Mafia“ – gut vernetzt mit Politikern, darauf bedacht, das System subtil über die lokalen Großgrundbesitzer zu kontrollieren.
Doch hinter den Kulissen brodelte ein krimineller Wirtschaftskrieg: Es ging um den Bau eines riesigen staatlichen Staudamms und der dazugehörigen Wasserleitungen in der Region Corleone. Während Navarra das Projekt im Interesse der alten Elite blockierte, roch die junge, hungrige Fraktion um Luciano Liggio das große Geld. Sie wollten die Bauaufträge, die Zementlieferungen und die LKW-Transporte kontrollieren. Als Liggio offen gegen Navarras Befehl handelte, schickte der alte Boss Killer, um Liggio zu beseitigen – doch der Anschlag schlug fehl.
Die Antwort der jungen Corleonesi war gnadenlos. Am 3. August 1958 lauerten Riina und Provenzano dem Auto von Dr. Navarra auf einer einsamen Landstraße auf. Mit Maschinenpistolen siebten sie den Wagen des Bosses buchstäblich ein – Navarra hatte keine Chance. Mit diesem brutalen Königsmord übertaten die Corleonesi eine weitere rote Linie und machten der gesamten sizilianischen Mafia klar: Die Ära der alten Brunnen-Barone war vorbei. Eine neue, rein profitorientierte und erbarmungslose Ära hatte begonnen.
Quellen und Inspiration für diese Serie:
- Buch: John Dickie – Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia (Ein unverzichtbares Standardwerk zum Thema).
- Buch: Alexander Stille – Die Richter, der Tod, die Mafia und die italienische Republik (Die präziseste Chronik über die Arbeit von Falcone und Borsellino).
- Serie: Inspired by the Italian TV-Series „Il capo dei capi“ (Der Chef der Chefs).
- Bildnachweis: Die in diesem Artikel verwendete Grafik ist eine KI-generierte Illustration für europosaurus.at.



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