Am 23. Mai 1992, nach seiner Ankunft in Palermo, steuerte der italienische Ermittlungsrichter Giovanni Falcone seinen weißen Fiat Croma in einem Autokonvoi auf der Autobahn A29 vom Flughafen in die Stadt. Neben Falcone saß seine Frau, hinter ihm sein Fahrer und Bodyguard. Der Richter saß sehr gerne selbst hinter dem Lenkrad. In den gepanzerten Fahrzeugen ahnte niemand, was unter der Fahrbahn auf sie wartete: Im Wasserablaufkanal lag der Sprengstoff (400–500 kg TNT und Ammoniumnitrat) bereit, der um 17:58 Uhr detonierte.
Die Explosion war so gewaltig, dass das Nationale Geophysikalische Institut sie als Erdbeben registrierte. Das erste (braune) Auto wurde von der Wucht der Detonation erfasst und in einen mehrere hundert Meter von der Autobahn entfernten Olivenhain geschleudert. Die drei Leibwächter im Fahrzeug waren sofort tot. Falcones Wagen krachte gegen die Betonwand des riesigen Explosionskraters. Falcone und seine Frau wurden nicht durch umherfliegende Splitter, sondern durch die Wucht des Aufpralls tödlich verletzt. Der Fahrer auf dem Rücksitz überlebte wie durch ein Wunder. In dem letzten Fahrzeug wurden die weiteren Leibwächter leicht verletzt.
Wer war Giovanni Falcone?
Giovanni Falcone war nicht einfach nur ein Richter – er war das Gesicht des staatlichen Widerstands gegen die Cosa Nostra. Gemeinsam mit seinem Kollegen Paolo Borsellino revolutionierte er die Ermittlungsmethoden. Sie folgten nicht mehr nur den lokalen Morden, sondern dem Geld: „Follow the money“ wurde zu Falcones goldenen Regel. Er verstand als Erster, dass die Mafia wie ein internationales Großunternehmen funktioniert.
Der historische Maxi-Prozess
Der absolute Höhepunkt von Falcones Arbeit war der legendäre Maxi-Prozess (1986–1992) in Palermo. Es war das größte Verfahren gegen das organisierte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Der Schock für die Organisation war gewaltig: Bis dahin war die Mafia daran gewöhnt, dass ihre Mitglieder dank korrupter Richter an den höheren Gerichten fast immer freigesprochen wurden. Im Maxi-Prozess jedoch wurden 475 Mafiosi angeklagt und Haftstrafen von insgesamt 2665 Jahren verhängt. Als das Kassationsgericht in Rom die Urteile im Januar 1992 endgültig bestätigte, war das Todesurteil für Falcone besiegelt.
Die mörderische Logik der Cosa Nostra
Das Attentat von Capaci war eine direkte Kampfansage des Mafia-Chefs an den italienischen Staat. Riina hatte konkrete strategische Gründe für diesen Terrorakt, die von einer Mischung aus Berechnung, Angst und Wut getrieben waren. Er wollte Falcones neue Machtposition im Justizministerium in Rom stoppen, bevor dieser eine nationale Anti-Mafia-Behörde aufbauen konnte. Gleichzeitig wollte Riina den Staat durch diesen brutalen Akt in die Knie zwingen, um Verhandlungen und Hafterleichterungen für seine Männer zu erzwingen.
Doch wer war Salvatore „Totò“ Riina – wie sein bürgerlicher Name eigentlich lautete – wirklich? Wie konnte ein einfacher Bauernjunge aus den Bergen von Corleone zum mächtigsten und brutalsten Mafiaboss aller Zeiten aufsteigen?
Erfahren Sie mehr über den Aufstieg der „Bestie“ im zweiten Teil unserer Serie auf europosaurus.at.
Quellen und Inspiration für diese Serie:
- Buch: John Dickie – Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia (Ein unverzichtbares Standardwerk zum Thema).
- Buch: Alexander Stille – Die Richter, der Tod, die Mafia und die italienische Republik (Die präziseste Chronik über die Arbeit von Falcone und Borsellino).
- Serie: Inspired by the Italian TV-Series „Il capo dei capi“ (Der Chef der Chefs).
- Bildnachweis: Die in diesem Artikel verwendete Grafik ist eine KI-generierte Illustration für europosaurus.at.



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