Während Europa den Monat der sexuellen Vielfalt feiert, entfaltet sich auf den Straßen ein paradoxes Bild. Während in Ländern wie der Türkei Demonstranten für ihre bloße Existenz in Gewahrsam genommen werden, dominieren auf westlichen Pride-Paraden nicht etwa die Themen der eigenen Freiheit, sondern der Nahostkonflikt. Die „Queers for Palestine“-Bewegung offenbart dabei eine fatale kognitive Dissonanz: Sie protestieren im Namen der Freiheit an der Seite von Kräften, für die das westliche Verständnis von individueller Autonomie ein Feindbild darstellt.
Doch bei dieser ‚unheiligen Allianz‘, die sich auf unseren Straßen formiert, stellt sich die drängende Frage: Wer instrumentalisiert hier wen? Wer die religiösen Verbote des Islam kennt, weiß, dass die Pride für die Kräfte, mit denen sich die Demonstranten solidarisieren, fundamental als ‚Haram‘ – als sündhaft und verboten – gilt. Was wir hier erleben, ist eine kulturelle Dissonanz, die in einem „Safe Space“ wie einer Pride-Bar niemals stattfinden könnte. Es ist die Realität einer westlichen Straße, die diese Gegensätze kurzzeitig zu einer Einheit verschmilzt, die in der Weltanschauung der beteiligten Gruppen so nicht existiert. Während in den meisten islamisch geprägten Ländern die sexuelle Identität, für die hier demonstriert wird, mit harter Verfolgung geahndet wird, erleben wir in Europa eine Form der fiktiven Solidarität, die die ideologischen Gräben eher ignoriert als überbrückt.
Zugleich werden die Rechte anderer Minderheiten ignoriert. Meiner Meinung nach bringen die Teilnehmer, die gleichzeitig für die Palästinenser und für LGBTQ-Rechte demonstrieren, die israelische Regierung, die israelische Gesellschaft und sogar Juden weltweit unter einen Hut. Die Kritik an der israelischen Regierung und gleichzeitig die Kritik am palästinensischen Freiheitskampf sollten nebeneinander bestehen können, ohne die Realitäten zu vermischen. Außerdem stellt sich die Frage, ob sich die Mehrheitsgesellschaft in Europa tatsächlich für den Nahostkonflikt interessiert, oder ob hier ein „Nahostkonflikt“ instrumentalisiert wird, der durch die Migration in unsere Gesellschaft getragen wurde. Mir ist klar, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat, doch die Fähigkeit, andere Ansichten zu akzeptieren, schwindet zunehmend. Selbst in unseren modernen westlichen Gesellschaften gilt das berühmte Wort von Rosa Luxemburg nicht mehr: „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.“
Politische Korrektheit ist ein zweischneidiges Schwert, das die Linke endlich erneut aufrollen und kritisch hinterfragen muss. Es ist zu befürchten, dass die Rechtsextremen bei der Deutungshoheit und in der gesellschaftlichen Kommunikation die Oberhand gewinnen. Für die Sozialdemokraten ist es höchste Zeit, diese Debatte zu führen, ohne sich von dogmatischen Strömungen innerhalb ihrer eigenen Reihen erpressen zu lassen. Statt sich im Dogmatismus zu verlieren, müssen sie den Mut finden, die Debatte wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen – denn nur ein offener Diskurs kann die liberale Demokratie vor den Rändern schützen.

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